Vom 24. bis 26. November 2025 fand im Kulturzentrum mon ami in Weimar der erste ökumenische Kongress kirchlicher Erwachsenenbildung statt. Unter dem Titel „Lebenslang verlernen? – Kirchliche Erwachsenenbildung in transformativen Zeiten“ widmete sich die Veranstaltung einer Frage, die angesichts rasanter gesellschaftlicher Umbrüche zunehmend an Bedeutung gewinnt: Welche Überzeugungen, Werte und Routinen müssen wir verlernen, um in einer Welt im Wandel handlungsfähig zu bleiben?
Dass das Thema einen Nerv trifft, zeigte sich früh: Bereits Ende September war der Kongress vollständig ausgebucht, Personen konnten noch über die Warteliste teilnehmen. Die Veranstalter – Katholische und Evangelische Erwachsenenbildung – richteten sich an alle Verantwortlichen in der kirchlichen Bildungsarbeit und öffneten zugleich einen Raum, in dem drängende Zukunftsfragen gemeinsam verhandelt werden konnten.
Thesenwettstreit zu „Verlernen“ aus unterschiedlichen Perspektiven
Der Auftakt des Kongresses stand ganz im Zeichen eines Thesenwettstreits, der die Vielschichtigkeit des Verlernens sichtbar machte. Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Praxisfeldern stellten ihre Positionen vor und regten zur kritischen Auseinandersetzung an. Zu Gast waren u.a. Rikola-Gunnar Lüttgenau von der Gedenkstätte Buchenwald, Christina Neuß vom Landeskirchenarchiv Eisenach, Dr. André Demut als Beauftragter der Evangelischen Kirchen in Thüringen, Prof. Dr. Bernd Käpplinger von der Justus-Liebig-Universität Gießen sowie Kerstin Goldenstein, Mitbegründerin des Alfa-Selbsthilfe e.V. Sie alle verband eine zentrale Frage: Wie kann Erwachsenenbildung Menschen darin unterstützen, sich von hinderlichen Denk- und Handlungsmustern zu lösen, ohne ihre Identität infrage zu stellen?
Lesung mit Mirrianne Mahn
Ein emotionaler Höhepunkt des ersten Kongresstages war die abendliche Lesung von Mirrianne Mahn, politische Aktivistin, Autorin, Theatermacherin, Referentin und Stadtverordnete aus Frankfurt am Main. Mahn, die sich in ihren Arbeitsbereichen gegen alle Formen der Diskriminierung und für mehr Diversität in allen Lebensbereichen einsetzt, präsentierte Auszüge aus ihrem 2024 erschienenen und für den Debütpreis der LitCologne nominierten Roman „ISSA“: Ein Generationenroman über fünf Frauen, deren Lebensgeschichten durch koloniale Ausbeutung und den Wunsch nach Selbstverwirklichung miteinander verwoben sind.
Mahn fesselte ihr Publikum mit präziser Sprache, großer Empathie und – trotz oder wegen der Schwere des Themas – mit entwaffnendem Humor. Ihre Lesung war nicht nur ein literarischer Genuss, sondern auch ein politischer Appell an die Teilnehmenden, ihre eigene Rolle in der Gesellschaft und im Bildungsbereich zu hinterfragen und aktiv zu gestalten. Die Resonanz war so groß, dass beim anschließenden Bücherverkauf sämtliche Exemplare vergriffen waren.
Barcamp und interaktive Diskussionen
Der zweite Kongresstag stand ganz im Zeichen der gemeinsamen Arbeit und des interaktiven Austauschs: In einem Barcamp hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit, ihre eigenen Themen und Anliegen einzubringen. Die Themenvielfalt der Sessions war beeindruckend und reichte von Künstlicher Intelligenz über Demokratiebildung, Migration und Genderfragen bis hin zur Zukunft der Erwachsenenbildung und zum viel diskutierten Thema der Sichtbarkeit. Während einige Impulse bereits im Vorfeld eingereicht worden waren, entstanden viele neue Themen und Diskussionen spontan während des Kongresses – ein Zeichen für die hohe Dynamik und das große Engagement der Teilnehmenden.
Darüber hinaus boten Arbeitsgruppen und Gremiensitzungen Gelegenheit, Netzwerke weiterzuentwickeln und Kooperationen zu stärken. Ob in den Programmpunkten oder in den Pausen: Immer wieder rückten Austausch und Vernetzung in den Mittelpunkt. Die Begegnungen machten spürbar, wie sehr evangelische und katholische Erwachsenenbildung voneinander profitieren können – und wie eng sie in ihren Grundanliegen verbunden sind.
Fazit: Verlernen als Schlüssel zur Weiterentwicklung
Der Kongress zeigte eindrucksvoll: Verlernen ist kein Verlust, sondern eine Einladung zur Weiterentwicklung. Gerade in kirchlicher Erwachsenenbildung, die Menschen auf ihren Bildungs- und Lebenswegen begleitet, eröffnet dieser Perspektivwechsel neue Möglichkeiten, transformative Prozesse konstruktiv zu gestalten.
Foto: Jürgen Schulzki